susanne 12:15

Die Vorhalle reicht für den totalen Klischeeschock. Ich befinde mich in DER Agentur. Alles da: Poggenpohlküche in spanish red, Espressomaschine von DeLonghi, Theke, Dreimetertisch für Meetings, Tischkicker und Blick ins Großraumbüro mit den  Bildschirmen. Wer noch da ist: die Anderen.

Alle U-40, die meisten U-30. Sie sitzen um den Tisch und pflegen ihre Agentur community beim gemeinsamen Mittagessen. Dafür ist auch das Obst gedacht. Zehn Menschen mindestens, die alle nicht zur Ernährungsberatung müssen, Salat, Sushi, Reisgerichte.

Das junge Paar trennt sich. Sie schnipselt das Obst. Er lässt erst mal erkennen , dass er in der Gentrifizierungsfrage auf der Höhe der Debatte ist und hebt zu einem kleinen Vortrag an. Halb so wild in Giesing, erst müssen noch Neuhausen und das Westend aufholen und ganz wichtig auch zu unterscheiden zwischen ober- und Untergiesing! Dann lässt er mich stehen, geht zum Kicker und zieht den Fokus von 20 Augenpaaren auf mich. Sie kann euch ja mal erzählen, warum sie sich an uns geheftet hat. Ich lächle und lege los.

Das Schlimme ist nicht, dass sie mich anschauen, dass Schlimme ist, dass sie gleich wieder weg schauen. Ich bin uninteressant, das Projekt ist uninteressant, sie konzentrieren sich aufs Essen, beginnen einzelne Unterhaltungen. Jesko ist der einzige, der mir mit Namen vorgestellt wird. Er sitzt ganz außen und ist der freundliche Dicke. Jesko bietet mir sogar Kaffe an, den aber die schlecht Gelaunte machen muss.

Ich bekomme Milchkaffee und frage, wen sie denn so beraten. Nur Großkunden. Mir schwimmen die Felle davon. Ich habe keine Ahnung von ihrer Arbeit, nur ein Fitzelchen  Wissen: einmal musste ich für eine Freundin als Probandin zur Verfügung stehen. Sie analysierte die Webseite der Deutschen Bahn auf Userfreundlichkeit. Ich sollte Aufgaben am Computer lösen, gegen die Uhr Zugverbindungen raussuchen, Preise vergleichen etc. Meine Freundin studiert das und ihre Uni hatte die Bahnseite als Negativbeispiel rausgesucht. Wir hatten viel Spaß damals.

Perfekt, ich bringe das jetzt an und meine sie sollten mal die Deutsche Bahn beraten, die hätten es nötig.

Jetzt wendet sich mir ein Gesicht zu, Frau, dunkelhaarig, unter dreißig. Wieso?

Na, wegen den Favoriten, dieses Markieren mit dem Sternchen, das sei doch eine blöde Idee, da käme doch keiner drauf! Ich komme richtig in Schwung, da sollen die mal sehen, bei welchen Themen weltfremde anachronistische Gaukler mithalten können!

Jesko grinst, die Frau taxiert mich. Das hab ich schon öfter gehört, sagt sie streng. Jesko grinst noch mehr: Jana hat  die Seite gemacht!

Ich kann diese Menschen nicht einschätzen. Bin ich der Elefant im Porzellanladen? Ist Jana verärgert, ist es ihr egal? Jana isst jedenfalls wieder Salat. Soll ich jetzt gehen? Wann wird mein Zehner ausgegeben? Die schlecht Gelaunte fragt Theaterfragen. Ob ich schon mal mit Berühmtheiten gespielt hätte und ob wir mit Puerto Giesing zusammen arbeiten? Die unterstützen wir, sagt Jesko. Wie denn, frage ich. Mental meint der, der mich hergebracht hat.  Dann zitiert er noch Walter Benjamin und zieht eine Parallele zum Weg des Geldes. Er fragt, ob der Abend auch spacig werde. Was er denn damit meine? Na so Männer mit nackten Oberkörpern in Strumpfhosen, die auf der Straße tanzen. Das kann ich ihm nicht versprechen. Ich will jetzt nur noch raus hier.

Die schlecht gelaunte hat Mittleid mir mir. Sie gehe heute Abend ins Yoga. Und ich weiß auch schon in welches Studio denk ich mir und sie bestätigt mir die Ahnung: Heute Abend um Acht, gebe ich den Schein aus bei Shivamukti in der Buttermelcherstraße. Jetzt ruft mir eine schwarzhaarige zu: hey kommst du heute Abend mit? Verstehe nichts mehr, ich langweile sie doch, sie ignorieren mich und jetzt wollen sieplötzlich mit mir ins Yoga? Ich muss jetzt schnellstens hier raus, denke ich und sage, dass ich heute Abend nicht könne, wegen der Kinder, dass aber vielleicht der unglaublich gut aussehende Kollege Mirco um acht erscheinen könnte. Und sie sagen Ciao und dass sie sich auf Mirco freuen.

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2 Antworten zu susanne 12:15

  1. Der freundliche Dickektor:

    Susanne, die Du uns hier einst
    In froher Mittagsrunde beigestanden
    Sagst was du – tapfer durchgestanden –
    Von unserer Unternehmung meinst?

    Wir wünschten sehr, Dir Schönen zu behagen
    Vielleicht auch weil Du spielst und lesen lässt
    Der Kaffee heiß, die Sätze voller Fragen
    Und manch einer erwartet sich ein Fest.

    Andere aßen dort, den Blick zu Tisch gesenkt,
    Verschüchtert zwar doch reich beschenkt:
    Allein durch Dich gewann DIE Agentur
    Ein Museküsschen, Würze und Kultur!

    Die unlustige Person:

    Oh sprich mir nicht von diesem Küsschen
    Bei deren Schmatzen mir der Nacken spannt
    Ich gab ihr Milchschaum, bot ihr Nüsschen
    War nicht lustig, doch galant.

    Was will sie den hier sonst noch sehen?
    Was sucht sie denn, was will sie haben?
    Dem schnöden Mammon nachzutraben
    Um Prosazöpfe aus Klischees zu drehen?

    So nimmt sie denn, die schönen Kräfte
    Und treibt dabei die dichtrischen Geschäfte
    Wie man ein Groschenheftchen treibt.
    Schnell geht man, unberührt, nichts bleibt.

    Der junge Phrasendichter:

    Ach gib mir doch die Zeiten wieder,
    da sich in vielfältigem Reigen
    Idee und Künstler, Text und Lieder
    Mit ihren anregenden Seiten zeigen.

    Wo Staunen hin zu Neugier treibt
    Und Schauspiel Blicke öffnet
    Hin zu Verborgenem und Neuen
    Als auf gekonntes Wiederkäuen.

    Sonst bleibts ein Teil von jener Kraft,
    die Gutes will und Kitsch erschafft.

    Der freundliche Dickektor:

    Ihr wißt, auf unsern Münchner Plätzchen
    Probiert ein jeder, was er mag;
    Drum schonet mir an diesem Tag
    Auch Werdende und Mätzchen.

  2. Dr. Faust schreibt:

    Agenturgroschen

    Es herrschte dicke Luft in der Agentur Watzmann. Im Office rauchte allen der Kopf. Kein Wunder morgen sollte die Präsentation der neuen Bahnwebsite fertig sein. Und Grube würde sich bestimmt wieder als unbarmherziger Kritiker erweisen. Rüdiger Grube, der eiskalte Konzernchef hatte schon anderen IT-Beratungsagenturen das Genick gebrochen. Bei Watzmann durfte man sich also keine Fehler erlauben!
    „Was ist nur los mit dir Jesko?“, fragten Jan und Jenny beinahe gleichzeitig. „Wir brauchen jetzt jeden Mann!“ Jesko fuhr herum. Ertappt! Seit Tagen war Jesko nur noch der Schatten seiner selbst. Unkonzentriert, mürrisch, ideenlos. Er, der sonst immer für gute Laune sorgte, watete durch eine tiefe Melancholie.
    Jenny beugte sich besorgt über ihren verstörten Kollegen. Dabei verhedderte sich das Wickelkleid, das ihrem Körper eine aufreizende Linie verlieh, in einem Notizbuch, das polternd zu Boden fiel. „Hey, was ist denn das, bist du unter die Dichter gegangen?“
    Jesko wurde rot. Jan schnappte sich das Büchlein und las: „ Ich wünschte sehr dir Schönen zu behagen…, ich hoffte stets… Weiter kam er nicht. Jesko war aufgesprungen und hatte ihm das Büchlein unsanft aus den Händen gerissen. „ Dies hier“, die Worte kamen bedrohlich stockend zwischen seinen Lippen hervor, „geht nur mich etwas an!“ Damit ließ er seinen beiden Kollegen verblüfft stehen.
    Jenny hatte eine Idee: „ Glaubst du es hat etwas mit Paris zu tun“?
    „Du meinst seine angeblich so spontane Reise zu diesem Fachkongress“?, fragte Jan.
    „Ja, seit er in Paris war hat er doch bestimmt zehn Kilo abgenommen“!
    Jenny seufzte. Von Jesko war in dieser schwierigen Situation also keine Hilfe zu erwarten, sie schauderte, wenn sie nur an Grube dachte. Jenny zupfte ihr Wickelkleid energisch zurecht und wollte sich gerade wieder an ihren Rechner setzen, da entdeckte sie eine kleine Visitenkarte, die wohl vorher aus Jeskos Notizbuch gefallen sein musste. Gebannt starrte sie auf den Kussmund der quer auf die Karte gedrückt worden war, sie traute ihren Augen nicht. Die Karte war von Dr. Susanne Faust!
    Armer Jesko! Dr. Faust war berühmt in der Branche eine, eine Expertin ersten Ranges wenn es darum ging Rechner-Probleme zu lösen. Als Mensch aber ging ihr ein zweifelhafter Ruf voraus. Sie galt als zynisch, berechnend und bereit jeden für die eigenen Zwecke über die Klinge springen zu lassen. Noch hatte jeder, der sich mit ihr eingelassen hatte Grund zur Klage gehabt. Jenny schüttelt sich, als sie sich erinnerte wie Dr. Faust sich einmal bei der Weihnachtsfeier des Verbandes Bayerischer IT-Agenturen, im Glühweinrausch an sie geschmiegt hatte und mit ihr über Kindererziehung und familienfreundliche Arbeitszeiten gesprochen hatte. Mit vor Alkohol triefenden Augen hatte Dr. Faust ihr erzählt, dass ihre Tochter in einer Theatergruppe mitspiele und die Welt anprangere und vor allem den schnöden Mammon. Diese Mischung aus Härte und Kitsch, das war es was Jenny so an Dr. Faust verachtete. ‚
    Ein Hilfeschrei riss sie aus ihren trübsinnigen Gedanken.
    Jan war mit einem Satz bei der sonst so souveränen Kollegin Jana. Jenny eilte hinterher. Jana war völlig außer sich: „Ein Virus!“, schrie sie, „er ist so heimtückisch! Alles gelöscht!“
    Entsetzt blickten Jenny und Jan auf Janas schwarzen Bildschirm. Grube würde toben. Sie waren verloren.
    Da kam Jenny eine Idee. Sie würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sie schnappte sich ein Telefon, zückte die Visitenkarte, wählte eine Nummer und sprach sehr laut in den Hörer. „Frau Dr. Faust? Sie müssen unbedingt sofort kommen.Wir kommen ohne sie nicht mehr weiter!“
    Die letzten Worte sprach sie zielgenau in Richtung des Tischkickereckchens, in das sich Jesko mittlerweile verzogen hatte. Jesko wurde kreidebleich und warf Jenny einen hasserfüllten Blick zu. „Ich verschwinde“ zischte er Jenny zu. Er ging zur Garderobe packte seine Jacke und öffnete die Tür. Was er da sah verschlug ihm die Sprache! Dr. Faust stand direkt vor ihm, an ein unauffälliges Verschwinden war nicht mehr zu denken.

    „Verflucht“, dachte Jesko, „wie zum Teufel kann sie so schnell hier sein?“
    „Jesko!“, stammelte Dr. Faust. Ihre Augen suchten Halt.
    „Etwas stimmt nicht mit ihr“, dachte Jenny, die die Situation genau beobachtete. Die kühle Expertin wirkte heute so verletzlich und zart.
    „Susanne“, wir haben ein Problem, ich äh habe ein äh…“ Jesko war nicht in der Lage den Satz zu beenden.
    Jan sprang den beiden zu Hilfe. Mit einem geschliffenen Satz, wie nur er ihn formulieren konnte, setzte er Dr. Susanne Faust ins Bild. Dr. Faust fasste sich wieder.
    „Natürlich, ich sehe mir die Sache gleich mal an, sie müssen entschuldigen, ich bin nur so außer mir, weil ich gerade von der Straßentheatervorstellung meiner Tochter komme, eine unglaublich kühne, anregende Arbeit, die einen staunend zurück lässt, so hatte ich die Welt noch nie gesehen! Und jetzt auch noch dieses unverhoffte Wiedersehen!“ Jetzt rötete sich auch Dr. Fausts Gesicht.
    „Ich hätte sie kaum wiedererkannt, Jesko, wo ist den nur ihr wunderbarer Bauch geblieben, der mir in Paris so gut…“, sie brach ab.
    „Ja, ich glaube Jesko hungert gerade und ich könnte auch eine Happen vertragen“, flötete Jenny. Sie zwinkerte ihren Kollegen im Office zu. „Wir sollten mal raus gehen und draußen Mittag essen. Jesko, dir bringen wir etwas mit, ich fürchte du musst Frau Dr. Faust hier zur Hand gehen.“
    Alle verließen die Agentur bis auf Jesko und Dr Faust, die sehr tüchtig arbeiteten. Und am nächsten Tag waren wirklich alle zufrieden, einschließlich des gefürchteten Vorstandsvorsitzenden Rüdiger Grube.

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